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Eduardo Zamorano: „El Arenal läßt sich schließlich nicht mit hochkarätigen 5-Sterne-Hotels zupflastern“

Leere Strände, leere Betten, leere Kassen. Spaniens wichtigstes Exportgut ist in der Krise. Zweistellig ist in diesem Jahr das Buchungsvolumen an den erfolgsverwöhnten spanischen Ferienzielen im Atlantik und am Mittelmeer eingebrochen. Die Ursachen sind hausgemacht, wissen Experten.

Allen Vorhersagen zum Trotz zeigt sich der Spanien-Tourismus im Jahr 2002 von seiner seit Jahren schwächsten Seite. Von den sonst dichtbepackten Stränden im Süden und den Baleareninseln kommen Schreckensmeldungen: Viele Betten bleiben leer. Die Anbieter gehen in die Offensive und werfen ein Billigangebot nach dem anderen auf den Markt. Doch die Normalisierung bleibt aus. Spanien Ökonomie unterhielt sich mit Eduardo Zamorano, Geschäftsführer der TUI España Destination Services, über die Ursachen.

Spanien Ökonomie: Alle sprechen von der spanischen Tourismuskrise. Gibt es sie tatsächlich und wie schwer ist sie?
Eduardo Zamorano: Ja, man muß inzwischen von einer Krise sprechen – im Feriensegment, in den Empfängerzielen, wenn Sie so wollen. Und da in den typischen Sonne-und-Strand-Zielen. Über genaue Zahlen werden wir natürlich erst gegen Ende des Jahres verfügen. Doch schon jetzt können wir von einem Verlust von rund 15 Prozent sprechen. Hierbei ist allerdings zu bedenken, daß es sich um Zahlen der Flughäfen handelt, die keine genauen Rückschlüsse zulassen.

Spanien Ökonomie: Es wurde in den letzten Wochen viel über die Auslöser dieser Krise spekuliert. Wo sieht sie der Fachmann?
Eduardo Zamorano: Grundproblem ist immer die Wirtschaftslage im Heimatmarkt. Klar ist aber: Die Preise in Spanien sind gestiegen. Vor allem die Übernachtungspreise in Hotels. Und das ist der Faktor, der sich bei Pauschalreisem am deutlichsten auswirkt.

Spanien Ökonomie: Hier sollen Preissteigerungen von 8,6 Prozent erfolgt sein. Stimmt das?
Eduardo Zamorano: Das ist schwer zu spezifizieren. Jeder Reiseveranstalter verhandelt die Preise mit den Hoteliers indiviuell aus. Entscheidend bleibt, daß die Steigerung den Paketpreis, und dadurch den Aufenthalt in Spanien verteuert hat. Spanien ist teurer als andere Reiseziele wie beispielsweise die Türkei oder Bulgarien. Diese Ziele sind nahezu ausgebucht. Hauptpreistreiber in Spanien sind die Lohnkosten.

Spanien Ökonomie: Es wäre doch aber zu erwarten, daß die Reisekonzerne diese Entwicklungen erkennen. Wurde da – auch von der TUI – nicht aufgepaßt ?
Eduardo Zamorano: Ich kann hier natürlich nur für TUI España sprechen und auch da nur aus der Perspektive des „Empfängerunternehmens“. Der Markt in Richtung Spanien ist aber schwächer – dies gilt für alle europäischen Reiseveranstalter. Wir von der TUI sind gut aufgestellt und können manche Märkte ausgleichen, aber auch nicht alle.

Spanien Ökonomie: Ist nicht umsomehr die Zeit gekommen, in der auch die Reiseveranstalter ihre Gewinnansprüche herunterschrauben?
Eduardo Zamorano: Ich glaube die Reiseveranstalter können mit ihren Preisen nicht weiter nach unten gehen. Und das sage ich wohlgemerkt nicht als Reiseveranstalter, sondern als Empfängerunternehmen. Hier kommt etwas ins Spiel, was gerne übersehen wird: Wenn es zu einem so schlechten Jahr wie diesem kommt, dreht der Reiseveranstalter natürlich an der Angebotsschraube. Es kommt der Zeitpunkt, wo mancher Veranstalter Angebote rausgibt, die nicht einmal mehr seine Kosten decken. Die Differenz muß er selber tragen und zwar in seinem Heimatland. Der „Empfänger“ am Zielort, das sind Restaurants, Bars, Hotels ja selbst die örtliche Steu-
erbehörde muß demgegenüber kaum Opfer bringen. Für den Anbieter ist dabei die Gewinnmarge so gering, daß er nicht tiefer gehen kann – wenn ihm im Empfängermarkt, in Spanien, die Kosten nicht gesenkt werden.

Spanien Ökonomie: Einige Veranstalter haben begonnen, bei den jetzt für das Jahr 2003 geführten Verhandlungen über Betten und Flüge weniger Volumen zu reservieren.
Eduardo Zamorano: Die Anpassung ist eine Realität. Bisher buchten die Veranstalter in Hotels die Kontingente ohne Garantieabsicherung. Das heißt: Ich buche und zahle eine bestimmte Bettenzahl ohne Garantie für den Hotelier. Der immer stärkere Wettbewerb hat das Bild sehr verändert: Der Veranstalter garantiert dem Hotelier, daß er das gebuchte Bettenvolumen bezahlt, unabhängig davon, ob er es belegen kann.

Spanien Ökonomie: Zu den Krisenzentren gehören in diesem Jahr besonders Mallorca und die restlichen Balearen. Hier propagieren die Verantwortlichen den Qualitätstourismus, um den Massentourismus zu ersetzen. Wie sehen Sie das?
Eduardo Zamorano: Das kann nicht aufgehen. Das, was man als Qualitätstourismus bezeichnet, sind 5-Sterne-Hotels mit ausgabefreudigen Gästen, die golfen, reiten, segeln, gut und teuer essen. Und das kann, jedenfalls auf den Balearen, dem Sonne- und Strand-Tourismus oder Massentourismus nicht gleichkommen, geschweige denn ihn ersetzen. Was wir hier brauchen, ist der Qualitätstourismus im Sonne-Strand-Tourismus. Das heißt: Wir müssen unseren Pauschalkunden hier nicht irgendwelche Bettenkapazitäten anbieten können, sondern die besten, die es auf dem Markt gibt. Andernfalls müßten wir das gesamte Tourismusmodell verändern: Einrichtungen, Dienstleistungen, Restaurants, Personal. El Arenal läßt sich schließlich nicht mit 5-Sterne-Hotel zupflastern. Wir sollten uns darauf konzentrieren, was wir am besten können. Das heißt: Daß unsere 3-Sterne-Hotels besser sind als die der Türkei oder Bulgariens, den Kanaren und daß unsere 4-Sterne-Häuser in ihrer Preisklasse in Europa das beste Angebot bieten. Und an zweiter Stelle den Nischen-Markt des Qualitäts-Tourismus bedienen. Wir haben heute rund 2.500 Hotels auf den Balearen. In der Mehrzahl sind das 3- und 4-Sterne-Häuser. Würden wir den Standard jedoch auf 5-Sterne heben wollen, würde sich die Gesamtzahl auf nicht mehr als 300 bis 400 reduzieren. Das heißt: weniger Gäste, weniger Dienstleistung, weniger Arbeit. Kurz: Massiver Verlust von Arbeitsplätzen. Es ist eine Kettenreaktion.

Spanien Ökonomie: Der Inhaber der Fluggesellschaft Air Berlin drohte jetzt damit, er werde seine Basis, die er hier auf Mallorca betreibt, auf das Festland verlegen, wenn die Regional-Regierung die Touristen mit Dingen wie der Ökosteuer weiter verschrecke. Kann das eintreten?
Eduardo Zamorano: Sicher, wenn er sich darauf versteift, geht es sehr schnell. Es ist nicht schwer, die Installationen hier aufzulösen. Was daran hängt, ist aber vielmehr. Schließlich bedient dieser Anbieter nicht nur den Pauschaltourismus, sondern auch den Residenztourismus, abgesehen von dem zusätzlichen Publikum, das hier nur auf der Durchreise nach Jeréz de la Frontera oder Alicante ist. Und sollte es dazu kommen, würde eines der wichtigsten Argumente für die Balearen wegfallen: die hervorragende Erreichbarkeit. Bestes Beispiel ist auch hier der Deutsche der seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zwischen Spanien und Deutschland aufteilen will oder muß. Derzeit hat er den besten Anschluß nach Mallorca, doch sobald sich das auf das Festland verlagert, wird auch dieser Resident seinen Standort auf das Festland verlegen.

Spanien Ökonomie: Vor diesen Aussichten: Wo liegt die Zukunft des Tourismus für Spanien? Klar ist wohl, daß es bei dem Pauschaltourismus, wie bisher bekannt, nicht bleiben kann. Wo geht es also hin?
Eduardo Zamorano: Nein. Da muß ich Ihnen widersprechen. Der Pauschaltourismus unter dem Aspekt des Sonne und Strand-Tourismus muß das Standbein Spaniens bleiben. Wir müssen nur den Qualitätsstandard erhöhen. Und worauf wir auch verzichten müssen, ist es ein Angebot in den bisherigen überproportionalen Ausmaßen weiter Jahr für Jahr anzubieten. Die erhöhte Qualitätskontrolle ist jedoch für mich der Schlüssel der Zukunft.

Spanien Ökonomie: Nun hat die Costa del Sol mit dem Label „Costa del Golf“ ein neues Vermarktungsargument gefunden. Sie hat sich mit dieser Marke neu verkauft. Ein beispiel für die übrigen Regionen?
Eduardo Zamorano: Das beste wäre es, wenn Spanien sein Angebot auf alle Segmente des Tourismus ausweiten würde. Neben dem Strand-Tourismus auch mehr Stadt, Sport-, Kultur-, Kongress- oder Freizeittourismus. Gerade im Kulturtourismus könnten wir viel mehr machen, denn über das nötige Angebot können wir uns nicht beklagen. Jede Region muß sich viel mehr auf ihre Stärken spezialisieren: Es kann nicht sein, daß die Kanaren zum Beispiel mit ihrem exzellenten Klima für den Sonne- und Strand-Tourismus krampfhaft versuchen, sich auch Kultur-Touristen anzubieten. Wohingegen Andalusien sich nicht so darauf konzentrieren sollte mit typischen Strand-Zielen zu konkurrieren, sondern viel stärker sein reichhaltiges Kultur-Angebot zu kapitalisieren. Derzeit will jede Region auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen.

Spanien Ökonomie:
Kann Spanien trotz härterem Wettbwerb und größerer Angebotsvielfalt unter den Top-Five auf der Welt bleiben?
Eduardo Zamorano: Spanien ist heute unter den Empfängermärkten die Nummer zwei hinter den USA und vor Frankreich, mit rund 60 Millionen Kunden pro Jahr. Unter den europäischen Zielen könnten wir ohne Problem die Nummer Eins bleiben, weil Spaniens Ziele in
relativ kurzer Reichweite liegen und weil sie in allen Segmenten des Tourismus etwas anzubieten haben. Darüber hinaus verfügt es sowohl bei know how als auch bei Infrastruktur – Hotels, Bettenanzahl – über eine viel größere Kapazität als die Konkurrenz. Voraussetzung ist aber, daß es sich ständig an die Kundenbedürfnisse anzupaßen weiß. Und dazu ist die Anstrengung aller regionalen Märkte erforderlich. Hier ist die Bereitschaft zu einer vernünfigen Preispolitik und einer sinnvollen Kostenstruktur – das sind Lohnkosten und Steuern – notwendig, und dem Wettbewerb anzupassen.

Spanien Ökonomie:
Warum sind nun die Balearen im Vergleich zu den Kanaren so stark eingebrochen?
Eduardo Zamorano: Das ist die große Frage des Jahres. Niemand kann sich das erklären. Ich persönlich glaube, hier kommen mehrere Faktoren zum tragen. Mit am schwersten für den Einbruch der Balearen verantwortlich ist das Bild, das Mallorca in den letzten zwei Jahren nach außen verkauft hat: Ökosteuer, Wasserknappheit, Streiks. An zweiter Stelle: Die Hotelinstallationen der Balearen sind viel älter als die modernen Häuser der Kanaren. Viele Hotels auf Mallorca verfügen über keine Grünanlage, haben einen eher massiven Charakter. Viel seltener auf den Kanaren: Hier kann viel weiträumiger und mit sehr viel mehr Grün gebaut werden, moderner eben.
Doch insbesondere die schlechte Öffentlichkeitsarbeit ist der Faktor, der beim Touristen dazu geführt hat, den „Chip“ zu wechseln und sich nach neuen Zielen umzuschauen.

Spanien Ökonomie: Nun haben die Balearen in Berlin jüngst eine Repräsentation eröffnet. Zu spät?
Eduardo Zamorano: Im Ansatz ist es eine gute Idee. Doch da hört es nicht auf: Es geht um Kampagnen, Öffentlichkeitsarbeit im großen Stil. Die kanarischen Behörden sind gegenüber ausländischen Anbietern auch viel zugänglicher.

Spanien Ökonomie: Hier wird immer wieder die Nische des Kongresstourismus angesprochen, und da viel häufiger das Kongress-Ziel Kanaren – obwohl viel weiter weg – erwähnt als die Balearen?
Eduardo Zamorano: Richtig. Seit Jahren fordern wir für Mallorca ein modernes Kongresszentrum. Die bisherigen Zentren im Auditorium oder dem Pueblo Español sind in ihrer Austattung längst überholt. Auf den Kanaren schießen dagegen die Kongreszentren aus dem Boden. Allein in Gran Canaria gibt es gleich mehrere neue Tagungsstätten zur Auswahl. Auf den Balearen wird seit Jahren nur darüber gesprochen.

Spanien Ökonomie: Laufen die Balearen in Sachen Tourismus, Gefahr den Anschluß zu verlieren?
Eduardo Zamorano: Im Kongressbereich auf jeden Fall. Und auch für den Tourismus insgesamt müssen sie aufpassen. Vor allem gegenüber den Anbietern. Die Reiseveranstalter, die Unternehmen, die Kunden können heute viel besser vergleichen: Sie ziehen die Landkarte hervor und entscheiden sich für die Region, die ihnen bei Ausstattung, Infrastruktur, Kapazitäten und Qualität das beste Angebot macht. In Zahlen: Während die Balearen hier gerade mal ein gutes Angebot bieten, könne die Kanaren drei Angebotspakete vorweisen.


Das Interview fürhte Flavio Cannilla

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