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Oktober 2001/ Die
Zukunft hat schon begonnen. Auch wenn sie
es nicht immer leicht hat. Die Alten
über 50, die lassen sich nicht so einfach
zu Neuerungen überreden, sagt
Juan Salcedo. Juanito, wie alle Welt ihn
nennt, hat 70 Jahre auf dem Buckel, aber
zu den Alten gehört er nicht. Juanito
ist Olivenbauer und Chef eines Restaurants,
das seinen Namen trägt: Juanito.
Das Haus in Baeza in der Provinz Jaén
ist in ganz Andalusien bekannt für
seine hervorragende Küche. Ihre wichtigste
Ingredienz: das Öl aus eigenen Oliven.
Ein Markenprodukt. Juanitos Sohn und Chefkoch,
Damián, hat es Lo Mejor de
Viana
getauft. Das ist die Zukunftt.
Die Phönizier brachten die Olive vor
3.000 Jahren auf die Iberische Halbinsel.
Der Baum hatte seine Vorzüge: Er wird
um die 200 Jahre alt und übersteht
unbeschadet lange Trockenperioden. Nur harten
Frost verträgt er nicht. Wie geschaffen
für Andalusien. Die Menschen um Sevilla
und Cádiz pflanzten die Ölbäumchen,
wo andere Kulturen nichts mehr abwarfen.
Die besseren Böden blieben dringenderen
Bedürnissen vorbehalten.
Kunstwerk
Landschaft
Die Welt mußte sich erst gründlich
ändern, damit die Olive ihre Chance
erhielt. Im 19. Jahrhundert zog der Ölbaum
massiv in Jaén ein, ab den 20er
Jahren des 20. Jahrhunderts begannen die
Massenpflanzungen.
An wenigen Orten unterwarf sich der Mensch
die Natur so rigoros wie hier. Olivenbaumarmeen
überzogen das Land, aufgereiht in perfekter
Formation, alle zehn Meter ein Baum, bis
zum Horizont und weiter. Ein überwältigender
Anblick, die ganze Landschaft ein Kunstwerk.
Heute sind in Jaén an die 600.000
Hektar Land mit Olivenbäumen bepflanzt,
das ist etwas weniger als die halbe Provinz.
82 Prozent des Ackerlandes gehören
der Olive. Ihr Anbau und die Verarbeitung
zu Öl tragen knapp
16
Prozent zur Wirtschaftsleistung der Gegend
bei. 1999 waren das 875 Millionen Euro (1,7
Milliarden Mark) An die 120.000 olivareros
bearbeiten eigenes Land. Die Olive ist der
wichtigste Rohstoff Jaéns.
Das wirklich goldene Zeitalter der Olive
begann jedoch erst 1986, mit Spaniens Beitritt
zur Europäischen Gemeinschaft. In den
Jahren zuvor hatten die Bauern noch Fällprämien
vom spanischen Staat erhalten, weil das
Olivenangebot die Nachfrage im eigenen Land
überstieg. Die Anbaufläche war
auf 470.000 Hektar geschrumpft. Doch
nun setzte warmer Geldregen aus Brüssel
ein. In die Dörfer, aus denen mit den
Jahren immer mehr Menschen abgewandert waren,
kehrte nun das Leben wieder zurück.
Jahr
für Jahr gerieten ein paar tausend
Hektar mehr unter das strenge Regiment der
Olive. Investoren, die mit dem romantischen
Landleben sonst nichts am Hut hatten, begannen
ihr Kapital in Olivenhaine zu stecken. Selbst
der Skandalbankier Mario Conde Verantwortlich
für den Beinahe-Konkurs der Großbank
Banesto kaufte Land im Norden der
Provinz Jaén. Auch er wollte von
den Subventionen profitieren, die aus Brüssel
in den Olivensektor fließen.
Der Reichtum, den die Olive über die
Region brachte, konnte sich allerdings noch
nicht in den Statistiken niedergeschlagen.
Jaén ist eine der fünf ärmsten
Provinzen Spaniens, das Pro-Kopf-Einkommen
erreicht gerade einmal die Hälfte des
EU-Durchschnitts. Die Arbeitslosigkeit liegt
im Moment offiziell bei 21 Prozent. Doch
als die Madrilenin Pilar San Miguel
eine der Frauen, die in der Provinzverwaltung
von Jaén für das spanische Netzwerk
der Olivengemeinden zuständig sind
vor einigen Jahren in der andalusischen
Provinz landete, erlebte sie eine Überraschung.
Das war nicht so, wie ich es mir vorgestellt
hatte, erzählt sie. Die
Leute leben in schönen Häusern,
viele haben einen Geländewagen. Den
Nissan Patrol nennen sie hier Nissan Paro
bezahlt aus der Arbeitslosenunterstützung.
Am
Tropf der Subventionen
Mit Überweisungen aus dem ländlichen
Beschäftigungsplan, den EU-Subventionen
und Ausflügen in die Schattenwirtschaft
kommt auch der kleine Olivenbauer ganz gut
über die Runden. Die Rentabilitätsgrenze
liegt bei 14 Hektar mit einer mittleren
Produktion von 2.250 Kilogramm pro Hektar,
die im Winter geerntet werden. Das Problem
sind die Preise, die seit 1999 von 2,32
Euro (4,50 Mark) pro Kilo auf 1,62 Euro
(3,16 Mark) gesunken sind. So bleiben dem
Bauern aus dem Verkauf heute um 10.000 Euro
(19.558 Mark) übrig.
Außerdem: Ein Olivenbaum kann vier
trockene Jahre wie Mitte der 90er überstehen.
Doch der Bauer muß um seine Existenz
fürchten. Immer mehr Olivenhaine
heute etwas ein Fünftel der Anbaufläche
werden deswegen künstlich bewässert.
Dies geschieht meist mit einem wassersparenden
Tröpfelsystem, was den Ernteertrag
im Vergleich zum Trockenlandbau verdoppelt.
Die
Bauern tun, was sie können, um trotz
Monokultur den Anschluß an die Zukunft
nicht zu verpassen: In den Olivenhainen
der Zukunft stehen die Bäume näher
beieinander. Pro Baum wächst dafür
nur ein einziger Stamm in die Höhe
statt der sonst üblichen zwei bis drei.
So lassen sie sich mit den Rüttelmaschinen
leichter abernten. Doch während die
Produktion des goldenen Saftes immer effizienter
wird, fehlt den meisten Bauern jedes Bewußtsein
für den Tag nach der Ernte: für
die Vermarktung.
Wie besessen wollen sie nichts anderes,
als bei den Ölfabriken so viele Oliven
abliefern wie möglich. Und vergessen
dabei so Fundamentales wie zwischen Früchten
del vuelo und del suelo zu unterscheiden,
zwischen abgeschüttelten Oliven, die
in aufgespannte Netze fliegen, und den vom
Boden aufgelesenen Früchten.
Gutes
Öl, unter Wert
Denn was einmal auf der Erde lag, kann für
die höchste Qualität, das Olivenöl
virgen extra, schon nicht mehr benutzt werden.
Wer die Ernte nicht trennt, macht einen
wichtigen Teil seines Geschäftes kaputt.
Da wird gutes Öl unter Wert verkauft,
sagt Pilar San Miguel, ein typisches
Problem Jaéns.
Denn in Jaén liegt die Olive in Händen
von Kleinbauern, denen der Blick fürs
Große meist fehlt. Ein durchschnittlicher
Betrieb besitzt knapp fünf Hektar Land,
88 Prozent aller Ländereien sind kleiner
als 20 Hektar. Um ihre Oliven zu Öl
zu machen, haben sich die Bauern in Genossenschaften
zusammengetan, die betreiben die Ölmühlen.
Doch an deren Spitze stehen keine ausgebildeten
Manager, sondern Bauern ohne unternehmerische
Weitsicht.
Einen
Geschäftsführer anzustellen, das
hielten die meisten Genossen für eine
überflüssige Ausgabe. So liefern
die meisten der rund 300 Olivenöl produzierenden
Unternehmen in der Provinz Jaén
davon rund zwei Drittel Kooperativen
nur den Rohstoff, damit andere ihn an den
Kunden bringen.
So geht noch immer ein großer Teil
des Olivenöls aus der südspanischen
Provinz Jaén nach Italien, von wo
aus es kluge Unternehmer mit gutem Marketing
an den Konsumenten bringen.
Die
Zukunft Jaéns ist nach Ansicht der
Experten deshalb die Produktion von Spitzenölen
der Qualität virgen extra. Aceites
de autor Autorenöle
nennt sie Juan Salcedo vom Restaurant Juanito.
Sein Öl geht nicht in einer anonymen
Massenproduktion unter, sondern wird unter
der eigenen Marke Lo Mejor de Viana verkauft.
So bleibt der Mehrwert in Händen
des Bauern, sagt Salcedo. Das
ist der Weg, den wir gehen müssen,
um auf Dauer nicht mehr auf Subventionen
angewiesen zu sein.
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Thema - Marktplatz
Jaén |
Eine
kalt gepreßte Delikatesse: Die Zukunft
liegt im Virgen Extra
Lange
Zeit haben wir wirklich ungenießbares
Öl an die Leute gebracht, gibt
Juan Salcedo unumwunden zu. Vor 30
Jahren konnte man damit genausowenig in
Deutschland wie in Spanien gutes Essen zubereiten.
Doch das Bild hat sich geändert. Juans
Sohn Damián, Chefkoch im Juanito,
ist stolz auf den Wandel: Früher
wäre einen Autorenöl, vollendet
wie ein guter Wein, undenkbar gewesen. Aber
heute schmeckt man in einem guten virgen
extra die Hand des Bauern, seine Pflege,
seinen mimo.
Virgen
extra ist der frisch und kalt gepreßte
Saft der Olive. Wenn wir nach Qualitätsmerkmalen
gefragt werden, ist unsere Antwort: Mit
der Wahl eines virgen extra ist alles gelöst,
erklärt Damián. Das beste
Öl ist das, was dir am besten schmeckt,
fügt sein Vater hinzu. Das gilt allerdings
nicht für das aceite de oliva, das
nur dem Namen nach Olivenöl
ist, in Wirklichkeit ein Raffinerieprodukt
aus den gemahlenen Oliven, dem rund 20 Prozent
virgen beigemischt wird, um Farbe und Geschmack
in die Flasche zu bekommen.
Das
Stiefkind der Familie ist der orujo, Oliventrester,
der im Sommer in ganz Europa in die Schlagzeilen
geriet, weil in den jüngeren Produktionen
überhöhte Werte des Krebs erregenden
Benzpyren festgestellt worden waren.
Kurzfristig war die Orujo-Krise schädlich
für uns, weil viele Leute die verschiedenen
Öle durcheinander bringen, sagt
Damián. Doch am Ende wird sie
ihr Gutes haben: Die Kunden werden auf virgen
extra bestehen.
Noch
ist das reine Zukunftsmusik. Der weltweit
führende Olivenproduzent Spanien ist
ein Land von Ahnungslosen. Viele haben nie
etwas von der Existenz des virgen extra
gehört, die meisten anderen halten
das aceite de oliva für hochwertiger.
Das
schlägt sich am anderen Ende der Produktionskette
im Verbrauch nieder: Nur ein Sechstel des
in Spanien konsumierten Olivenöls ist
von der Qualität virgen oder virgen
extra. Und noch immer halten viele Hausfrauen
in Spanien dem Sonnenblumenöl die Treue,
das immerhin ein knappes Drittel des gesamten
spanischen Speiseölmarktes einnimmt.
Die Olivenbauern haben dehalb noch eine
große Aufgabe vor sich: Sie müssen
verkaufen lernen.
| Zum
Thema - Marktplatz
Jaén |
Im
Herbst ist Erntezeit für die Öl-Aktie
Winterzeit
ist Erntezeit im Olivengeschäft. Doch
in diesem Jahr könnte die fruchtbarste
Zeit bereits in den Vormonaten liegen: Insgesamt
37 Prozent des spanischen Ölsektors
könnten in den nächsten Wochen
nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung
Cinco Días in ganz Europa zum Verkauf
kommen.
Den
ersten Anstoß gibt die spanische Staatsholding
SEPI, die den Verkauf des Produzenten Coosur
angekündigt hat, der unter den ersten
Fünf des Marktes ist. Hinzu kommt die
Übernahme der italienischen Montedison
Gruppe durch Fiat und dem französischen
Energiekonzern Electricité de France
(EDF), die sich von ihrem gesamten Lebensmittelbereich
trennen wollen. Im Angebot: die Ölivenölgruppe
Koipe.
Immerhin:
Auf dem Parkett erreicht der spanische Marktführer
mit einem Marktanteil von 29,4 Prozent zur
Zeit einen Wert von 252 Millionen Euro (492
Millionen Mark). Viel zu wenig,
erklärt der Großteil der Koipe-Aktionäre.
Kann doch die Gesellschaft auf eine Liquidität
von rund 138 Millionen Euro (270,3 Millionen
Mark) verweisen für etwaige Expansionspläne.
Im Jahr 2000 konnten die Spanier ein Geschäftsergebnis
von rund 12,9 Millionen Euro (25,2 Millionen
Mark) vorweisen. Experten
gehen allerdings davon aus, daß die
Staatsholding im Falle der Coosur-Genossenschaft
auf eine spanische Übernahme pochen
wird.
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