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Züge überholen Flugzeuge

Sommerzeit ist Reisezeit. Seit 1992 verkürzt der von Siemens und Alstom gebaute Hochgeschwindigkeitszug AVE von Madrid aus den Weg in den Süden. Spätestens in zwei Jahren dürfte auch der Weg Richtung Norden möglich sein. Eine Alternative auch für Business-Reisende von und nach Barcelona.

 

Nichts ereignet sich in Spanien zur geplanten Zeit. In der Regel geschieht alles zu spät. Ein Zug, der um acht Uhr abfahren soll, wird normalerweise irgendwann zwischen neun und zehn abfahren, aber vielleicht einmal in der Woche fährt er dank einer persönlichen Laune des Lokomotivführers um halb acht ab.“ So beschrieb George Orwell 1938 in seinem Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg „Mein Katalonien“ die spanische Eisenbahn. Aus den Köpfen der Nordeuropäer ist das Bild vom Land der Unpünktlichkeit noch nicht verschwunden. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Als am 15. September 1994 der AVE 9636 Madrid-Sevilla zehn Minuten verspätet im Bahnhof Santa Justa einfuhr, da klatschten die Fahrgäste Beifall. Die staatliche spanische Eisenbahngesellschaft Renfe hatte eine Werbekampagne gestartet, in der sie versprach: „Wir erstatten Ihnen den vollen Fahrpreis zurück, wenn wir mit mehr als fünf Minuten Verspätung ankommen – obwohl wir sehr daran zweifeln, daß Sie dieses Vergnügen erleben dürfen“. Vier Tage später stürzte im Bahnhof Sevillas ein Stück der Oberleitung auf die Gleise, fünf Züge trudelten mit Verspätung in der andalusischen Hauptstadt ein. Die Passagiere freuten sich: Die 50 Euro für eine einfache Fahrt, landeten wieder im eigenen Portmonee.

Zu 99 Prozent pünktlich Seitdem haben nicht allzu viele AVE-Benutzer diese Freude teilen dürfen. Die Pünktlichkeit der Schnellzüge auf der 480 Kilometer langen Strecke zwischen Madrid und Sevilla ist atemberaubend, auch der Pünktlichkeitsgrad. So erreichten im vergangenen Jahr von 18.500 AVE-Zügen 37 ihr Ziel mit mehr als fünfminütiger Verspätung: ein Pünktlichkeitsgrad von 99,8 Prozent. Für die fälligen Fahrpreiserstattungen gab die Renfe gerade einmal 310.000 Euro aus. Auch sonst liest sich die Statistik der spanischen Bahn nicht schlecht: Die Cercanías (S-Bahnen) kommen auf eine Pünktlichkeit von 98,95 Prozent, die Regionalzüge auf 96,5 Prozent, die gewöhnlichen Fernzüge auf 95,6 Prozent. Orwells Zeiten sind passé. Und auch die Deutsche Bahn kann nur neidvoll gen Süden schauen: Sie ist schon mit einer Pünktlichkeit „von über 90 Prozent“ zufrieden. Der AVE ist das Vorzeigestück der spanischen Bahn. Seit nunmehr zehn Jahren pendelt der Schnellzug, von Alstom nach TGV-Vorbild gebaut, mit Tempo 280 zwischen Madrid und Sevilla hin und her, Fahrzeit knapp zweieinhalb Stunden. Er transportiert auf der Strecke fünfmal so viele Passagiere wie die Flugzeuge. Doch der AVE ist ein Solitär. Für die meisten anderen Fernverbindungen über das veraltete Renfe-Netz braucht der Fahrgast Sitzfleisch: Er kommt zwar pünktlich, aber spät am Zielbahnhof an. Auch das dürfte sich bald ändern. Die Regierung will Spanien in den nächsten Jahren ein 7.200 Kilometer langes Schnellbahnnetz verpassen. Die ersten Strecken werden bereits gebaut. Die Königsverbindung wird die Linie Madrid-Barcelona sein. Der 630 Kilometer lange Schienenstrang zwischen den beiden größten spanischen Städten soll 2004 oder etwas später in Dienst gehen. Bisher dauert die Zugfahrt sechseinhalb Stunden – da nehmen Geschäftsreisende wie Urlauber lieber die Maschinen der puente aéreo (Luftbrücke), die ihre Passagiere im 30 Minuten-Takt ohne Sitzplatzreservierung von einer Stadt in die andere befördern. Der AVE Madrid-Barcelona wird Iberia und den anderen Fluggesellschaften harte Konkurrenz machen: Bei Tempo 350 braucht er von Bahnhof zu Bahnhof etwas weniger als zweieinhalb Stunden. Mit Verspätungen ist, anders als im Luftverkehr, nicht zu rechnen. Die Anfahrtswege sind kürzer, die Wartezeit zwischen Check-in und Start fällt weg. Wer da noch das Flugzeug benutzt, muß unter „Zugangst“ leiden. Doch auch beim neuen spanischen Zugwunder ist nicht alles eitel Sonnenschein: 409 Kilo- meter der Strecke sind immerhin fertiggestellt. Weitere 220 Kilo meter befinden sich gerade im Bau oder sind zumindest einem Bauträger zugeschlagen. Geplant ist allerdings die Verlängerung der Strecke bis in den Ort La Jonquera an der französischen Grenze. Doch dorthin dürften Reisende auch nach 2004 weiterhin besser mit dem Auto hinkommen: Denn mit dem Bau dieses Gleisweges wurde noch nicht begonnen, die Ausschreibung läuft noch.

Erstmalig ins Ausland Die Renfe hat die Aufträge für die 32 Schnellzüge, die das Bahnwunder vollbringen sollen, zu gleichen Teilen an Siemens und an die spanische Talgo vergeben. Erstmals konnte Siemens seinen ICE ins Ausland verkaufen. Die Produktion der deutschen Exem- plare verteilt sich auf München und Kassel, sowie Álava und Las Matas in Spanien. Der neueste ICE der dritten Generation ist der erste Hochgeschwindigkeitszug, der nicht von Triebköpfen gezogen und geschoben wird, sondern seine Motoren auf den Achsen jedes zweiten Waggons sitzen hat. In Deutschland ist das Modell zwischen Hamburg und München sowie zwischen Köln und Amsterdam unterwegs – „trödelt“ aber mit höchstens 280 Sachen durchs Land. Ab August soll er auf der Neubaustrecke zwischen Frankfurt und Köln immerhin auf Tempo 300 beschleunigen. Aber erst in Spanien wird der ICE 3 mit 350 Stundenkilometern seine ganze Kraft entfalten können, um – hoffentlich – pünktlich, in Barcelona oder Madrid einzulaufen. Ein ganz neues ICE-Gefühl. George Orwell hätte sein Freude daran.

Martin Dahms

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